Stechaubauer – ein Biohof der ersten Stunde

Verfasst von Mario Steidl | Tags: , , , , , , ,
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„Bio“ ist in aller Munde. Doch was macht “Bio” eigentlich aus? Wer sind die produzierenden Menschen, die hinter dieser Lebensphilosophie stehen? Blog-Redakteur Mario Steidl hat den Biohof Stechaubauer in Wiesersberg besucht – und war schwer beeindruckt.

Michael Haitzmann sen. hatte den Hof bereits 1959 von seinem Vater übernommen. Eigentlich lief alles ganz gut, trotzdem war er nicht ganz zufrieden. So beobachtete er etwa, dass die Kühe lieber entlang den Zäunen in den feineren Beständen grasten, als mitten im Feld ins fette Gras zu beißen. Denn: Die bunte Vielfalt von Gräsern und Kräutern in den Wiesen schwand immer mehr. Der wohl bedeutendste Einschnitt für Michael Haitzmann sen. war aber dann die Begegnung mit Dr. Müller aus der Schweiz, der ihn in Wiesersberg besuchte und ihm über die Biogenossenschaft und die Bio-Betriebe in der Schweiz erzählte. Der anfängliche Unglaube, dass man auch ohne Kunstdünger hohe Erträge erzielen konnte, ließ ihn in die Schweiz reisen, um sich selbst davon zu überzeugen. Von da an setzte Michael Haitzmann nur mehr auf natürlichen Dünger, nämlich auf Gesteinsmehl des Saalfeldner Diabas, das in seiner Zusammensetzung dem fruchtbaren Nilschlamm gleicht sowie Mist und Kompost des eigenen Betriebes. Eine leichte Zeit war das damals nicht, sondern eher hart verdientes Brot. Denn er durfte sich als Spinner abtun lassen und erhielt keinen Cent mehr bezahlt als für herkömmliche Produkte und auch keine Förderungen. Dafür aber bald Besuch vom Rektor der Hochschule für Bodenkultur, Prof. Herbert Franz, oder der sehr interessierten Dr. Libiseller von der Landwirtschaftlich-Chemischen Versuchsanstalt in Wien, die die Fortschritte beobachteten. Und ein sehr kritischer Ing. Fill von der Düngeberatungsstelle Innsbruck teilte dem Biobauern Haitzmann nach einigen Jahren Skepsis mit: „Was ich bei dir jetzt mitverfolgt habe, da muss ich gestehen, dass ich auf dem falschen Posten bin.“

Martin Haitzmann ist Biobauer in dritter Generation - das gibt es wohl auf wenigen Höfen

Martin Haitzmann ist Biobauer in dritter Generation - das gibt es wohl auf wenigen Höfen

Der Sohn Michael – damals noch halb ein Bub – machte ein Praktikum beim Biobauern Dähler in der Schweiz, und wollte seine Erfahrungen prompt in Saalfelden umsetzen, auch wenn das Klima und die Böden hier nicht unbedingt optimal dafür sind und der Ackerbau in Saalfelden schon damals de facto verschwunden war. Wovon alle abrieten, genehmigte wiederum der Vater. Anfangs hat vieles tatsächlich nicht geklappt, doch aus der damaligen “Wahnsinnsvorstellung” von einer Kartoffelernte um die 1.000 Kilo wurden mittlerweile 50.000 (!) pro Jahr. Und mit dem Gemüseanbau kam auch der Ab-Hof-Verkauf und so steht die Nahversorgung in der Region mittlerweile im Mittelpunkt der Vermarktung.

Wo liegt aber nun der Unterschied zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft? Davon abgesehen, dass keine chemischen Stoffe für Düngung und Pflanzenschutz verwendet werden, geht es vor allem um den nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen. Das heißt konkret: Die Bewirtschaftung der Äcker erfolgt in einem Kreislauf von fünf Jahren. Begonnen wird mit Feldfrüchten, die dem Boden besonders viel Stickstoff entziehen, in den Folgejahren wird die Bepflanzung mit jenen Früchten fortgesetzt, die davon weniger benötigen. Nach drei Jahren Bepflanzung kann der Acker weitere drei Jahre “rasten”. Er wird während dieser Phase mit Hafer und Klee besetzt. Dieser dichte Bewuchs nimmt dem Boden den Stress, der durch Fruchtbepflanzung und Bearbeitung gegeben ist und lässt diesen auch hinsichtlich des Humusaufbaus sich regenerieren. Klee und Hafer eignen sich zudem hervorragend als Futter für die 23 Milchkühe, 25 Kälber und die 10 Schweine, deren Ausscheidungen wiederum als Dünger dienen – womit sich ein natürlicher Kreislauf schließt. Apropos Düngung: Düngung und Bodenleben sind zwei Schlüsselwörter für die Biobauern. Wie darf man das verstehen? Vereinfacht dargestellt wird in der konventionellen Landwirtschaft die Pflanze direkt gedüngt, und zwar chemisch. Der Boden dient eigentlich nur als Träger der Pflanze. In der biologischen Landwirtschaft wird sozusagen das Bodenleben “gefüttert” und zwar mittels der Einbringung der Pflanzenreste sowie mit dem schon angesprochenen Bepflanzungskreislauf und nicht zuletzt mit tierischem Dung. Der so natürlich angereicherte und mit gesunden Mikroorganismen überfüllte Boden düngt wiederum die Pflanze – eine künstliche Düngung ist nicht nötig. In der konventionellen Landwirtschaft sieht Michael Haitzmann die Zukunft weniger rosig: „Stickstoffdünger wird aus Erdöl hergestellt, das ohnehin nicht mehr ewig verfügbar sein wird. Kann dieser Dünger nicht mehr produziert werden, werden auch die Erträge zurückgehen, ebenso, wie der nutzungsfähige Boden durch die Überdüngung zurückgehen wird.“

Die erwähnten Tiere werden übrigens ebenso natürlich gehalten: Die Henderl graben im Gras ihre Mulden, in denen sie ein Sandbad nehmen, die Schweine wühlen sich durch den Erdboden und die Kühe verbringen den Sommer stoisch vor sich hinkauend auf den Weiden. Glückliche Tiere also wie aus dem Bilderbuch.

Dass biologische Landwirtschaft eng mit Klimaschutz verbunden ist, erklärt mir der Jungbauer Martin. Denn als Biobauer betreibt man aktiven Humusaufbau, der Co2 bindet. Sowohl die Pflanze selbst als auch die Erde binden Kohlenstoff. Durch die organische Verwertung der Trägerpflanzen, also die Wiedereinarbeitung in den Boden wird der Kohlenstoff gespeichert, bleibt also im Boden. In Österreich könnten allein durch Kompostierung 200.000 Tonnen CO2 pro Jahr im Boden gespeichert werden.

„Bio“ muss natürlich auch kontrolliert werden: Es gibt eine EU-Bioverordnung, einen Vertrag mit einer staatlich anerkannte Kontrollstelle, die diesen auch überwacht, und dann ist der Stechaubauer auch noch Mitglied beim Verband „Bio Austria“, der die Richtlinien noch höher ansetzt.

Dass “Bio” nun gesünder ist, steht außer Frage, aber warum schmeckt es eigentlich besser? Ganz einfach: Weil die künstliche Düngung fehlt, wächst die Pflanze eben nicht in Rekordzeit und bildet keine so großen Zellen, die viel Wasser speichern. Biologische Pflanzen wachsen langsamer und sind dadurch auch geschmacksintensiver. Dass “Bio” etwas teurer ist als Produkte aus konventioneller Landwirtschaft, liegt auf der Hand, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Unkraut etwa kann nicht mit chemischen Mitteln einfach beseitigt werden, sondern muss tatsächlich händisch oder mechanisch entfernt werden. Die Erträge sind nicht so hoch und auch das Reifen der Früchte dauert länger. Und es handelt sich ja auch nicht um eine industrialisierte Massenproduktion. Aber dieser etwas höhere Preis wird von allen Kunden angesichts der deutlich höheren Qualität und dem Wissen um Herkunft und nachhaltiger Bewirtschaftung gerne in Kauf genommen. Denn wie natürlich ist es eigentlich, dass ein „Ja!Natürlich“- Brokkoli in gleich viel Plastik eingewickelt ist wie ein Siloheuballen oder dass man Paprika, Zucchini und Co im Fünfer-Plastik-Korb kaufen muss, auch wenn man nur ein Stück braucht? Beim Stechaubauern erhalten Sie auch eine einzelne Karotte, ein Ei oder eine Zwiebel. Und sie fühlen sich beim Betrachten der Ware nicht wie in der Plastikabteilung …

Was nicht ganz einfach ist, ist die Kalkulation der Ernte, denn man kann nicht bis ins Detail planen, wie reichlich (oder auch nicht) diese ausfallen wird. Und man hat keinen Großabnehmer wie eine Supermarktkette, welche die gesamte Produktion abnimmt. Doch hier gibt es die vielleicht hart klingende aber logische Überlegung: „Bevor ich etwas unter seinem Wert anbiete und den Preis kaputt mache, bringe ich es gar nicht auf den Markt, wo es zu Abfall wird, sondern lasse es als Kompost auf dem Feld und reichere damit wieder den Boden an.“

Der Betrieb ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen, aber nicht nur auf Grund der Nachfrage, sondern allein schon wegen der Produktvielfalt: Denn sowohl dem Vater Michael als auch dem Sohn Martin steht die Leidenschaft ins Gesicht geschrieben, wenn sie von ihren Experimenten sprechen und diese stolz vorzeigen: Violette Paprika, Reisetomaten, chinesische Pfefferoni oder asiatische Blattgemüse werden angepflanzt. Aber auch Gemüse wie die Saubohnen, die man früher zum Füttern der Schweine anpflanzte oder die ein ‚Arme Leute Essen’ waren, sind heute wieder sehr gefragt. Und das macht Michael Haitzmann besonderen Spaß: Alte Produkte wieder zu entdecken.

Biologischer Landwirt zu sein ist für Michael Haitzmann auch eine Lebensphilosophie, denn er sieht den Beruf Bauer wie ein Handwerk, in dem die Individualität eine große Rolle spielt und die für ihn auch einer Erhaltung von Kulturgut gleich kommt: Denn je mehr man in die Großerzeugung geht, desto mehr geht diese Individualität verloren. „Früher hat vielleicht fast jeder Bauer Pinzgauer Käse produziert, aber jeder hat anders geschmeckt. Wenn nun eine Großmolkerei zwanzig verschieden Käse verkauft, ist das trotzdem nicht mehr die gleiche Vielfalt. Und ähnlich verhält es sich mit Gemüsesorten.“ Als Biobauer kann man auch nicht über das ganze Jahr alles anbieten, wie es in den Supermärkten Mode ist. Aber muss man tatsächlich im Februar Tomaten oder Gurken essen? Manches wird zwar zugekauft, aber stolz zeigt man sich trotzdem angesichts eines zum Teil sehr bewussten Kundenstocks, der sich dazu entscheidet, nur jene Produkte zu kaufen, die auch saisonal angepflanzt werden. Und so klein ist die Palette auch im Winter nicht: Einlagerungsfähiges Gemüse hält sich über Monate im eigenen Lager und im Glashaus lassen sich im ganzen Winter diverse Blattgemüse ziehen. Angebaut wird also fast das ganze Jahr über. Und ein Zuckerschlecken ist dieser Beruf auch nicht gerade. „Wir beginnen um sechs Uhr morgens und vor acht Uhr abends kommen wir im Sommer nie rein“, erzählt Martin. Ein 40-Stunden-Job ist das also nicht, aber die Freude daran wiegt das alles auf. Und im Winter ist es auch mal etwas ruhiger. Wir – das sind übrigens Martin mit seiner Frau Michaela, seine Schwester Mathilde, seine Eltern, Großeltern und manchmal noch Praktikanten aus der Landwirtschaftsschule.

Im Gegensatz zu nicht wenigen anderen gehört es für Michael dazu, sein Wissen auch weiterzugeben. „Am Anfang meiner ‚Karriere’ wollte ich mit Gewalt etwas Neues schaffen, wollte der Beste sein. Mit fortschreitendem Alter sehe ich das gelassener. Die Landwirtschaft ist eine Kulturform, wie man dem englischen Begriff ‚Agri Culture’ entnehmen kann. Jetzt geht es mir auch darum, überliefertes Wissen weiterzugeben. Und es macht mich schon sehr stolz, wenn alle vier meiner Kinder landwirtschaftlich tätig sind.“ Diese Wissensweitergabe geht noch weiter,  bei Vorträgen, zu denen ihn die Landwirtschaftsschulen einladen, und reicht bis hin zum Kunden, mit dem er bzw. die ganze Familie gerne mal einen Plausch hält und Fragen zu besonderen Sorten oder über deren Anbauweise beantwortet. Und das ist letztlich auch eine Besonderheit: Der “Verkäufer” – der zufällig zugleich auch noch der Produzent ist – nimmt sich Zeit für einen Plausch mit seinen Kunden. Versuchen sie das einmal in der Gemüseabteilung im Supermarkt …

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