Die Tätowierkunst ist nahezu so alt wie die Menschheit. Ihre Geschichte reicht dabei von ritueller und religiöser Bedeutung über die Brandmarkung von Kriminellen bis hin zum politischen Statement. Heute sind Tätowierungen vor allem als Körperschmuck in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Vor noch nicht allzu langer Zeit haftete Tätowierungen der Ruch des Kriminellen an: „Häfenbrüder“, Seemänner und gesellschaftliche Außenseiter waren es vor allem, die mit den Bildern auf ihrer Haut meistens ihre eindeutige soziale Zugehörigkeit zum Ausdruck brachten. Doch was bis vor 30 Jahren nur einer Minderheit vorbehalten war, ist mittlerweile zu einem Massenphänomen geworden, das von der totalen Kommerzialisierung und Massentauglichkeit bis hin zur absoluten Kunstform reicht. In den 80ern erreichte die Tätowierkunst erstmals wieder eine Hochblüte in diversen Subkulturen, wie etwa in der Rock- und Metalszene: Motive wie Totenschädel, Dämonen und anders Höllengetier gehörten damals auf die Haut des Rockers wie der Strom zur Gitarre. Als George Clooney 1996 im Film „From Dusk ’til Dawn“ ein so genanntes „Tribal-Tattoo“ trug, löste das einen wahren Tätowier-Boom aus. Und jeder kann sich noch an jene Zeit erinnern, als das sogenannte „A….geweih“ – eine Tätowierung über dem Allerwertesten – zu einem „Must Have“ bei allen Damen zwischen 16 und 30 wurde. Einst gesellschaftlichen Außenseitern vorbehalten, wurden Tätowierungen plötzlich zur Massenware, die sich selbst die Bürgerkinder mal eben im Vorbeigehen wie ein Stückchen Modeschmuck von der Stange zulegten. Mit einem gravierenden Unterschied: Schmuck lässt sich ablegen, ein Tattoo nur sehr schwer. „Es sind vor allem Menschen, die sich in sehr jungen Jahren diese Modemotive haben machen lassen haben, die heute zu mir kommen“, sagt Dr. Weiss aus Salzburg, die Tätowierungen mittels Laser entfernt. „Dass das Tätowieren mittlerweile gesellschaftsfähig geworden ist, zeigt der Umstand, dass sowohl viele Tätowierer als auch Tattooentferner sehr gut davon leben können.“ Interessanter Weise sind es meist Menschen um die dreißig, die heiraten oder Eltern werden, also in einen ganz neuen Lebensabschnitt gehen und sich ihre Tätowierung dann entfernen lassen wollen. „Bei Farben wie schwarz oder blau geht das mit dem Laser auch sehr gut, aber bei Farben wie weiß, gelb oder bei Neonfarben ist das sehr schwierig!“
Die Saalfeldnerin Christine Zimmer hat sich mit der Agentur „Tattoomodels“ selbständig gemacht und damit eine sehr erfolgreiche Plattform zur Selbstvermarktung von Models mit Tätowierungen gegründet. Ausschließlich tätowierte Models können sich bei ihr professionell ablichten lassen und werden in einen Modelkatalog aufgenommen. Wer bucht tätowierte Models, möchte man meinen? „Firmen wie Moskova, DC oder Kastner & Öhler buchen sie ebenso wie etwa Audi zur Präsentation eines neuen Autos. Hieß es früher ’sex sells’, so suchen sich mittlerweile viele Unternehmen einen anderen Hingucker, gerade im jugendlichen Segment.“ In der Kommerzialisierung der Tattooszene sieht sie aber auch ein Problem: „Tätowierer wachsen wie Schwammerl aus dem Boden, und nur wenige sind auch wirklich gut.“ Zu einem guten Tätowierer gehört für Christine Zimmer auch, einmal zu einem Motiv nein zu sagen oder junge Menschen, die einem Modetrend aufspringen, zu raten, noch einmal darüber nachzudenken. Auch Stefan Ben Hassen, Tätowierer in der Pekkerei in Saalfelden, ist dieser Ansicht: „Wenn Jugendliche zu uns kommen, und eigentlich gar nicht wirklich wissen, was sie wollen, ist das oft ein Zeichen dafür, dass sie nur irgendwo dazugehören wollen. Unter diesen Umständen raten wir auch von einer Tätowierung ab. Wir tätowieren bei jungen Leuten außerdem grundsätzlich nicht an Stellen, die man nicht verdecken kann, wie etwa am Hals oder auf den Händen.“ Marvin Eder hat das Tattoo- und Piercingstudio vor zwei Jahren eröffnet, Termin für eine Tätowierung bekommt man bei ihm bis April keinen mehr. „Nur den Samstag halten wie uns für kleinere Tätowierungen, die nicht lange dauern, frei.“ Wie wird man eigentlich Tätowierer? Die Ausbildung zum Tätowierer ist wie eine Art Lehre. Man verbringt zwei bis drei Jahre in einem guten Tätowierstudio, übt sehr viel mit der Tätowiermaschine auf Obst wie etwa auf Melonen oder auch auf Schweinehaut. „Es vergeht sehr viel Zeit bis man dann wirklich selbst tätowiert, und das ist auch gut so“, erzählt Stefan.
Auch die Tätowierkunst ist Trends unterworfen. Im urbanen Bereich ist der sogenannte Old School Stil mit den klassischen Motiven wie dem Totenkopf, der Rose oder dem Paradiesvogel eher out und es setzt sich immer mehr der New School Stil durch. Dieser zeichnet sich einerseits durch großflächige Tätowierungen in sehr realistischem Stil oder aber auch durch sehr abstrakte und experimentelle Motive aus, die tatsächlich wie moderne Kunstwerke anmuten – nur eben nicht auf Leinwand, sondern auf der Haut. Die Gründe für eine Motivwahl sind dabei sehr individuell. Nach wie vor zeigen Menschen mit Tätowierungen die Zugehörigkeit zu einer Szene, wie etwa die Rockabillies, die sich einen Hot Rod, ein Paar Schwalben oder etwa Kartenspiele und Würfel tätowieren lassen. Manche sind einfach Mitläufer und tätowieren sich diverse Modemotive weil es gerade hipp ist. Und sehr viele Menschen betrachten Ihren Körper einfach als Kunstwerk. „Es kommt auch häufig vor, dass Leute sich Motive tätowieren lassen, die sie mit einem einschneidenden Ereignis in ihrem Leben verbinden“, so der Tätowierer Ben Hassen.
Tätowierungen findet man mittlerweile in allen sozialen Schichten und Altersklassen. „Es kommen auch Leute zu uns ins Studio, die sich mit 50 noch einen Rasenmäher auf die sich ausbreitende Glatze tätowieren lassen. Und erst kürzlich war eine Frau hier, die sich die Namen ihrer Enkel auf die Hände tätowieren ließ“, erinnert sich Marvin aus der Pekkerei. Christine Zimmer hat sogar schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Polizist ihr bei einer Verkehrskontrolle seine Tätowierungen gezeigt hat. Aus welchen Gründen und mit welchen Motiven sich viele Menschen aller Altersgruppen auch immer tätowieren lassen, zeigt dies vor allem eines: Tätowierungen sind in unserer Gesellschaft mittlerweile fast so etwas wie Normalität geworden.
Weitere Infos im Web:
www.tattoomodels.at
Die Homepage der im Beitrag erwähnten „Tatttoomodels“ der Saalfeldenerin Christine Zimmer
http://www.zeit.de/lebensart/mode/2011-05/fs-tattoo/seite-1
Eine wirklich tolle Fotostrecke zur jungen Tätowierkunst im experimentellen Stil mit abstrakten Motiven, die z.T. wie Kinderzeichnungen anmuten, hat „Die Zeit“ veröffentlicht.
http://www.tattoo-spirit.de
Hier findet man unter anderem auch ein Lexikon zu den zahlreichen Motiven und Stilen in der Tätowierkunst sowie zu deren Geschichte.
http://www.kpic.at/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=2&Itemid=7
Der Fotograf Klaus Pichler die Tätowierungen von Ex-Häftlingen fotografiert und deren Geschichten dahinter aufgeschrieben. Eine sehr beeindruckende Dokumentation!!!
http://www.pekkerei.at
Die Homepage des Saalfeldener Tätowierstudios „Die Pekkerei“.
Fotos: Mario Steidl, Philipp Tomsich/Thorsten Urschler/tattoomodels.at
















