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Das Weihnachten von früher

Verfasst von Mario Steidl | Tags: , , , , , , , ,
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Früher war sicher nicht alles besser. Auch nicht zu Weihnachten. Oder doch? In der vergangenen Redaktionssitzung fragten wir uns, wie sich Weihnachten wohl vor 50, 60 oder noch mehr Jahren abgespielt hat.

Walter Steidl ist 1926 geboren und in einer Arbeiterfamilie in Bsuch aufgewachsen.

Walter Steidl (85)

Walter Steidl (85)

Wie haben Sie die Vorweihnachtszeit früher im Vergleich zu heute erlebt?

Ich kann mich erinnern, dass wir als Kinder vor Weihnachten besonders brav sein mussten, damit das Christkind auch etwas bringt. Wir haben ja dem Christkind auch immer ein Brieferl geschrieben und auf die Fensterbank gelegt.

Was war das Besondere für Sie an Weihnachten?

Es war einfach eine schöne ruhige Zeit, es wurden Kekse und Kletzenbrot gebacken, allein deshalb schon war Weinachten so besonders, genauso wie das Bachlkoch am Weihnachtstag. Würstlsuppe kannten wir erst nach dem Krieg, und Fleisch gab es überhaupt nicht. Erst später haben wir dann selbst ein Schwein ein Jahr lang gefüttert und dann zu Winterbeginn geschlachtet. Und natürlich die Süßigkeiten am Weihnachtsbaum, die Zuckerl und die Zuckerringe.

Welche Rolle spielte der Glaube früher zu Weihnachten?

Bei uns eigentlich gar keine, das war eher bei den Bauern so. Ich bin halt Ministrant geworden, weil mich der Pfarrer gefragt hat und ich mich nicht nein sagen traute. So musste ich in der Weihnachtszeit jeden zweiten Tag um 6 Uhr früh zu Fuß von Bsuch nach Gerling gehen, egal bei welchem Wetter. Und das war manchmal sehr kalt und anstrengend, wenn es viel Schnee hatte.

Anni Dietrich wurde 1930 als Tochter eines Wildbachverbauers geboren und ist im Haus des ehemals sogenannten „Schörhofschmiedes“, gegenüber dem Gasthof Schörhof, aufgewachsen.

Anni Dietrich (81)

Anni Dietrich (81)

Spielte der Glaube eine große Rolle in der Weihnachtszeit?

Ja, ganz sicher! Ab dem ersten Advent wurde an jedem Adventsonntag Rosenkranz gebetet und auch am Heiligen Abend vor der Bescherung. Am Weihnachtstag ist man auch Rauchen gegangen, genauso wie in der Sylvester- und der Heiligendreikönigsnacht, das waren die sogenannten Rauchnächte. Man ist mit dem Weihrauchpfandl in jeden Raum gegangen und drei mal rund ums Haus, damit dieses und auch die Felder vor Unwettern usw. geschützt werden, oder auch die Hausbewohner vor Krankheiten. In der Nacht hat die Heilige-Nacht-Kerze gebrannt, die durfte nicht ausgehen, denn sonst wäre im Folgejahr jemand gestorben.

Wie ist der Weihnachtstag sonst noch abgelaufen?

In der Früh sind wir schon sehr aufgeregt aufgestanden, wir haben ja bis im Alter von 10 oder 11 Jahren an das Christkind geglaubt und auch so lange Wunschzetterl geschrieben. Zu Mittag gab es traditionell ein Bachlkoch – ein Mehlkoch mit einem Mus oben drauf. Abend vor der Bescherung wurde gebetet und es gab eine dünne Suppe, die Würstl gab es erst später nach dem Krieg. Erst da haben wir dann auch ein Schwein gehalten und vor Weihnachten geschlachtet, dann gab es am Christtag immer einen Schweinsbraten. Nach der Bescherung sind wir noch in der Stube zusammengesessen, dann machten wir uns auf den Weg zur Mitternachtsmesse.

Was hat man früher geschenkt bekommen?

Eigentlich fast nur was man gebraucht hat, aber das hat man sich oft auch gewünscht. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk waren Handschuhe, denn der Weg in die Schule nach Saalfelden war schon sehr weit, und vor allem kalt. Ich erinnere mich noch daran, dass der Schnee damals immer an den Holzsohlen der Schuhe kleben geblieben ist, wenn es frisch geschneit hat, das war anstrengend beim Gehen! Deshalb hat man sich auch über warme Sachen gefreut. Und ein gestrickter Pullover war da schon das höchste der Gefühle, etwas Gekauftes gab es fast überhaupt nicht.

Ernst Oberaigner wurde 1932 in Uttendorf geboren, ist aber in Saalfelden bei den Zieheltern Krezenzia und Johann Pichler aufgewachsen, die als Arbeiterfamilie mehr als 20 Kinder großgezogen haben. Der erfolgreiche Schirennläufer siegte bei großen internationalen Rennen, errang Bronze bei der WM 1954 und ist mehrfacher österreichischer Meister.

Ernst Oberaigner (79)

Ernst Oberaigner (79)

Wie haben Sie die Vorweihnachtszeit früher im Vergleich zu heute erlebt?

Weihnachten ist früher, als ich noch ein Kind war, nicht einmal mit erstem Advent angegangen, sondern erst kurz vor dem Heiligen Abend. Auch Kekse und Kletzenbrot wurden erst kurz vor Weihnachten gebacken, auf alle Fälle zumindest erst nach dem Nikolaus. Außerdem war die Vorweihnachtszeit früher deutlich ruhiger. Diese ganze Vermarktung und diese Hektik so wie heute gab es früher einfach nicht. Auch der Konsum ist einfach übertrieben, aber das bringt halt auch die Zeit. Wenn heute schon Monate vor Weihnachten als Weihnachtszeit verkauft werden, nimmt das die Vorfreude. Und früher war Weihnachten tatsächlich eine ruhige Zeit, in der man auch in der Stube enger zusammengerückt ist.

Was war das Besondere für Sie an Weihnachten?

Vor allem das Essen. Denn es gab Sachen zu essen, die es im restlichen Jahr eben nicht gegeben hat, wie etwa die Würstlsuppe oder verschiedene Süßspeisen.

Was hat man früher geschenkt bekommen?

Gekriegt haben wir vor allem, was man zum Anziehen gebraucht hat, Schuhe und warme Kleidung waren die Hauptsache, darüber hat man sich aber sehr gefreut. Spielsachen gab es nur sehr vereinzelt. Man hat überhaupt selten etwas gekriegt, das man nicht auch wirklich gebraucht hat. Schi etwa waren eine Sensation und eine absolute Ausnahme. Es ist schön, dass das heute nicht mehr so ist, aber man kann es auch übertreiben. Wenn Kinder heute schon unter dem Jahr alles kriegen, wird ja gar nichts mehr auf Weihnachten aufgespart und ein Geschenk ist nichts Besonderes mehr.

Lisi Zöggeler wurde 1938 geboren und ist bei einem Bauern in Leogang aufgewachsen.

 Lisi Zöggeler (73)

Lisi Zöggeler (73)

Wie haben Sie die Vorweihnachtszeit erlebt?

Am Barbaratag, dem 4. Dezember wurden Kirschzweige abgeschnitten und eingewässert, die haben dann zu Weihnachten wunderschön geblüht. In der Adventzeit haben wir am Abend in der Stube immer Bratäpfel gemacht, das war nur im Advent. Begonnen hat der Advent immer mit dem Hausputz, vom Dachboden bis in den Keller musste jedes Pfandl glänzen. Weihnachtlich geschmückt wurde das Haus dann aber erst zwei Tage vor Weihnachten mit Tannenzweigen, zuvor gab es noch den großen Küchenputz. Man hat oft gesagt, zu den heiligen Zeiten geht der Teufel um, weil die Frauen so böse waren, weil sie so viel putzen mussten.

Gebetet wurde auch viel, damals war Weihnachten tatsächlich noch sehr eng mit dem Glauben verbunden. Einmal in der Woche gab es eine Rorate, eine Kindermesse und jeden Samstag wurde ein Rosenkranz gebetet.

An den drei Donnerstagen vor Weihnachten ist man Anklöckeln gegangen. Als Hirten verkleidet hat man mit dem Stock bei den Nachbarn an die Tür geklopft und dann Weihnachtslieder gesungen.

Kurz vor Weihnachten ist auch immer Kletzenbrot gebacken worden, jeder im Haus bekam einen eigenen Wecken und einer ist separat für den Heiligen Abend zur Seite gelegt worden, mit Zettel dran. Und dann ist im Advent natürlich immer ein Schwein geschlachtet worden, wenn zu warm erst etwas später, da es ja keine Gefriertruhe gab und die Knochen etwa im Schnee eingefroren wurden.

Was war früher das Besondere an der Weihnachtszeit?

Das war sicher das Essen. Der Vater war vor Weihnachten bei den Bauern herum zum Schlachten und hat dann oft die Zunge mitgebracht. Das war eine Delikatesse, denn Fleisch gab es ja sonst nur im Herbst, wenn ein Schaf geschlachtet wurde. Und das Fleisch vom Schwein, das vor Weihnachten geschlachtet wurde, wurde fast ausschließlich geselcht und für die Knödl, die es im Laufe des ganzen Jahres immer wieder gab, verwendet. Und zum Christtag wurde ein Schweinsbraten gekocht, später, nach dem Krieg dann Schnitzel. Ich kann mich erinnern, dass wir da so viel gegessen haben, dass wir Bauchweh gekriegt haben.

Wie ist der Weihnachtstag bei Ihnen abgelaufen?

Gleich in der Früh wurde das Vieh versorgt, dann eine Rindsuppe gekocht, die eine Seltenheit war. Am Vormittag wurde dann der Weihbuschen, der aus Kräuter und Blumen wie Eibis, Minze und Melisse bestand und am Frauentag – dem 15. August – geweiht worden war, auf drei Teile aufgeteilt, also für jede der drei Rauchnächte. Einen Teil hat man dann im Stubenofen ins Backrohr gelegt, damit er für den Abend zum Rauchen gehen schön resch wurde. Die Hacken und Messer wurden geschliffen, das war dann die sogenannte „Bachlschneid“, die besonders lange hielt. Zu Mittag gab es dann ein Bachlkoch, das alle aus einer Rein gegessen haben. In manchen Gegenden wie etwa in Tirol kam auch noch Honig drauf, das war ganz einmalig, denn Zucker gab es ja zu dieser Zeit gar nicht. Das Kripperl wurde im Herrgottswinkel aufgestellt und überall in der Stube wurden Tannenzweigerl reingesteckt. Am Abend kamen dann vor der Bescherung Schneckennudeln – eine Art Buchteln – auf den Tisch, mit Buttermilch. Die Würstlsuppe gab es damals noch nicht, die kam erst später. Nach dem Essen ging man dann Rauchen. In ein Rauchpfandl kam Glut aus dem Stubnofen, ein bisserl Weihrauch und der getrocknete Weihboschn aus dem Ofen. Mit einem Hut hat sich jeder den Rauch dreimal über den Kopf gehoben , dann wurde mit einem Weihbrunnen und einer Kerze, von den Kindern getragen, durch jeden Raum gegangen. Alles wurde mit Weihwasser bespritzt, danach ging man noch drei Mal rund um das Haus. So sollten alle im Haus, das Vieh, die Felder usw. vor Unheil geschützt werden. Nach dem Rauchen wurde dann noch gebetet, der Knecht und die Dirn sind dabei gekniet, wir Kinder saßen hinter dem Tisch. Das hat immer lange gedauert, denn drei Rosenkränze und ein Heiliger sind gebetet worden. Anschließend gingen wir mit dem Vater noch in den Stall und gaben dem Vieh etwas Salz und Kleie vermischt mit einigen Bröseln vom Weihbuschen. Danach durfte der Stall nicht mehr betreten werden, weil uns gesagt wurde, dass die Tiere in der Heiligen Nacht miteinander reden. Dann gab es endlich die Bescherung und den Heilige-Nacht-Wecken, das Kletzenbrot, das man zur Seite gelegt hatte, wurde mit drei Kreuzen gezeichnet und angeschnitten. Das war damals noch ohne Rosinen, sondern bestand eher aus getrockneten Spähbirnen und wurde mit Butter gegessen. Das Essen zu Weihnachten war einfach das Größte, das muss ich schon sagen. Die Erwachsenen bekamen dann noch ein Schnapserl, wir Kinder einen Tee und man ist zusammengesessen, bis man sich mit einer Sturmlaterne auf den Weg zur Mitternachtsmesse gemacht hat. Nur einer musste daheim bleiben und auf die Heilige-Nacht-Kerze aufpassen, denn die durfte nicht ausgehen, sonst ist im Jahr darauf jemand gestorben, hat man gesagt. Der hat dann auch die Suppe schon hergerichtet, die es nach der Messe gab. Eine Rindsuppe mit Fleisch und Weizenbrot. Das war auch wirklich eine Besonderheit, sonst gab es ja nur Roggenbrot. Suppennudeln kannte man damals bei uns noch nicht. Wie gesagt, das Essen zu Weihnachten war schon das Großartigste überhaupt. Am Christtag haben wir dann schon mit Kletzenbrot gefrühstückt und mit den paar Keksen, die es gab. Und zu Mittag gab es den Schweinsbraten, auf den man sich schon so lange gefreut hatte.

War Vorweihnachtszeit früher eine ruhigere Zeit als heute?

Auf alle Fälle. Es war ja auch viel früher dunkel, es gab noch keinen Strom. Ich erinnere mich noch, das war eine Sensation, als wir Strom kriegten und eine 15 Watt Birne in der Stube hatten. Man ist damals schon ein wenig enger zusammengerückt, drin der Stube wurde gesponnen und gestrickt. Da fällt mir noch ein Brauch ein, die sogenannte „Hauslehr“. Der Bauer hat mit Pferd und Pendel – einem Fuhrwerk, auf dem Leute sitzen konnten -den Pfarrer abgeholt, der beim Bauern ein Essen gekriegt hat. Dann sind alle Nachbarn gekommen – deshalb wurde das immer beim Bauern mit der größten Stube gemacht. Der Pfarrer sprach seine Belehrung, eine Art Predigt war das. Die Stube war da immer bummvoll, das gibt es bei einigen Bauern auch heute noch und das ist immer sehr nett. Manchmal ist es natürlich auch etwas länger geworden und es wurde schon auch mal das eine oder andere Schnapserl getrunken. Da gab es dann den Spruch: „Bei der Hausmahlehr (von Malör) ist es wieder lustig geworden.“