“Gobi March” – ein 250 km-Lauf durch die Wüste Gobi, einer der unwirtlichsten Orte der Welt. Bernd Tritscher aus Saalfelden war als Läufer mit dabei. Nachfolgend ein Auszug aus dem Renntagebuch des Wüstenläufers.
Das Rennen
“Nachdem ich mir in den letzten Jahren viele meiner bergsteigerischen Ziele erfüllen konnte, wollte ich dieses Jahr ganz etwas anderes machen. Ein Ziel, das mei-nen Ansprüchen gerecht wurde, war bald gefunden: Das ‘Gobi March’, ein Etappenrennen durch die Wüste Gobi. 250 km aufgeteilt auf sechs Etappen. “Self-supported”, also in Eigenverpflegung. Das heißt, Verpflegung und Ausrüstung muss während des Laufens selbst getragen werden, durch die windigste Wüste der Erde. Über ein halbes Jahr Vorbereitungszeit. Auch in die Perfektionierung der Ausrüstung wurde viel Arbeit und Zeit investiert. Am 20. Juni 2010 ging es los nach China, in die größte Provinz des Landes, Xinjiang.”
Etappen eins bis vier
„Die erste Nacht in der Wüste macht wohl kaum einem der 160 Teilnehmer Spaß. Nach Sonnenuntergang fallen die Temperaturen auf 5 Grad. Ich friere erbärmlich in meinem High Tech Schlafsack, oder habe ich versehentlich einen Gefrierbeutel erwischt? (…) Aber einmal zu viel angasen oder sonst ein Fehler und diese Tage können zur Hölle werden. Das passiert dann, wenn dich der Mann mit dem Hammer erwischt und sämtliche Vorräte verbraucht sind. Ich nehme pro Tag ca. 2400 Kcal zu mir, verbrenne aber das Drei- bis Vierfache. Vier Renntage verbrennen schnell die Kohlenhydrate. Das Defizit kompensiert der Körper mit Körperfett und Muskelmasse. Das Hineinhören, auf die Signale des Körpers achten und die richtige Taktik sind neben Kondition und Regenerationsfähigkeit entscheidend. (…) Die sirrende Hitze und das Flimmern der Luft versetzen mich in eine Art Trance. Nur die eigenen Schritte, das Atmen und der sanfte Wind sind zu hören. Es ist eine der schönsten Wüstenlandschaften, die ich je gesehen habe. (…) Es ist drückend heiß. Ich trinke was ich kann und denke: Wie soll das morgen gehen? 99 km – vorausgesagte 50 Grad. Normal ist das nicht mehr, was wir da machen.“
Etappe fünf – 99 km
“Als wir ein Dorf durchlaufen, deutet mir ein Chinese unmissverständlich, ich soll ihm ein bisschen Bares geben, dann kann ich auf seinem Gefährt aufsitzen. Aber selbst wenn ich wollte, ich habe kein Geld dabei. (…) Ich stolpere mehr als ich laufe, über ein unebenes Reisfeld. Trinke meinen letzten Energie Shooter. Hoffentlich fährt der nochmal so richtig ein. (…) Vor mir taucht auf einmal eine Gestalt auf. Es ist der Chinese Wei Chao, der im Gesamten einige Sekunden hinter mir liegt. Er wackelt, die Schuhe in der Hand, barfuß durch den Sand. 500 m vor dem Etappenziel überhole ich ihn mit meinen letzten Kräften. Geschafft! Nach über 14 Stunden.“
Akku leer
Was im Zelt geschieht, möchte ich nicht mehr erleben. Es haut mich voll nieder. Nehme noch wahr, wie jemand Wasserflaschen ins Zelt stellt. Krieche zu diesen hin und ziehe sie zu mir. Schaffe es nur in Etappen, die Schuhe und Socken auszuziehen. Habe fast nicht mehr die Kraft, die Verpackung von meinem Riegel aufzureißen. Aber ich muss jetzt essen und trinken. Kaue lustlos an Riegel und Nüssen, während mein Körper zittert. Versuche aufzustehen, habe aber keine Chance aufzukommen, nicht einmal mit Hilfe der Zeltstange. Einer dieser Versuche endet mit einem katastrophalen Krampf im Bein und später in der Bauchmuskulatur. Ich schreie vor Schmerzen. Ich denke mir: Das gibt`s doch nicht, dass da keiner hereinkommt. Die würden dich hier verrecken lassen. Christian (Anm. d. Red.: Christian Schiester, österreichischer Profi-Läufer) liegt draußen, hört mein Gebrüll. Aber er ist selber unfähig, etwas zu tun. Einige Stunden liege ich so da. Der Körper hat alles ausgeschalten, was er nicht braucht, um sich zu erholen.“
Das Ziel
„Bei 80 Prozent der Läufer kann nicht mehr von Laufen die Rede sein. Humpelnd, abgestützt, unfähig alleine zugehen, so erreichen manche das Ziel. Ich muss nochmal alles geben. Ich durchlaufe den Punkt, der vor Tagen noch so weit entfernt war. Das Ziel ist erreicht! (…) Jetzt freue ich mich auf eine Dusche, ein Bett und auf das Essen am Abend. Tagelang nur warmes Wasser, Hirsebrei und Trockenfutter haben mir sechs Kilo vom Leib gerissen. (…) Im Hotel erfahren wir, dass der Amerikaner, der am vierten Tag erschöpft abtransportiert wurde, nicht mehr aus dem Koma erwacht und gestorben ist. Die Stimmung bei der Siegerehrung ist sehr gedrückt. (…) Platz fünf in einem sehr stark und mit einigen Profi-Läufern besetzten Rennen. Für mich ist das der größte sportliche Erfolg, den ich bisher erreicht habe und wahrscheinlich jemals erreichen werde.“
Autor/Bild: Bernd Tritscher

