An einem wunderschönen Herbsttag im Oktober treffe ich die 19-jährige Saalfeldnerin Züleyha im türkischen Kulturzentrum von Saalfelden, um die Probleme türkischer Jugendlicher zwischen zwei Kulturen in den Mittelpunkt zu rücken.
Kurz nach der Ortstafel Saalfelden Richtung Zell am See befindet sich ein unscheinbares, älteres Haus mit einem kleinen Minarett und darin befindet sich der Türkische Kulturverein, der seit einigen Jahren Muslimen unserer Region als Treffpunkt dient. Dort treffe ich Züleyha, die beim Kulturverein die Mädchen-Vorsitzende ist. Ich möchte einen Einblick in das Leben türkischer Jugendlicher gewinnen. Sie bittet mich in die Wohnung des Vorbeters (Imam), damit wir uns ungestört unterhalten können. Wir nehmen in der Küche Platz und die Frau des Vorbeters serviert uns einen Kaffee mit einer Süßspeise, die eigentlich eine typisch österreichische ist, „Mohr im Hemd“.
„Ich bin mittendrin“
Meine erste Frage, die ich stelle, ist, ob sie sich als Österreicherin oder eher als Türkin fühlt. Züleyha überlegt nicht lange und erklärt, „Ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen. Vom Auftreten her bin ich mittendrin. Ich kann nicht sagen, wo ich genau bin, denn hier ist man automatisch die Ausländerin, wenn man einen ausländischen Namen hat. Manche reden mit mir ‚Türkischdeutsch‘ bis sie merken, dass ich eigentlich Deutsch kann. Und in der Türkei bin ich automatisch die Europäerin, eine Österreicherin, denn Saalfelden ist meine Heimat.“
Die Probleme
„Ein großes Problem sind die Vorurteile. Eine Frage, die ich immer wieder höre, ist: Musst du deinen Cousin heiraten? Noch so typische Fragen sind: Wann musst du ein Kopftuch tragen? Wirst du umgebracht, wenn du das und das machst?“ Anstatt in Rage zu geraten, hat Züleyha ihre Deutschreferate immer wieder zur Aufklärung von Vorurteilen genutzt und über das Thema „Islam“ referiert. Die Quelle für das Auftreten dieser Vorurteile sieht sie in der verzerrten Berichterstattung der Medien.
Integriert ja, aber…
In Saalfelden fühlt sich Züleyha gut integriert. Sie hat sowohl österreichische als auch türkische Freunde. Rassistische Äußerungen gibt es zwar immer wieder, jedoch nicht in dem Ausmaß wie in kleinen Ortschaften. Während ihrer Zeit in der Krankenpflegeschule in Schwarzach stieß sie an ihre persönlichen Grenzen, obwohl sie ein selbstbewusstes, schlagfertiges Mädchen ist. In ihrer Klasse warfen ihr zwei ältere Mitschüler vor, dass sie, obwohl sie wohlgemerkt 19 Jahre alt ist und in Österreich geboren wurde, österreichischen Jugendlichen den Ausbildungsplatz wegnehme. Ständig verwickelten sie die junge Frau in Diskussionen, wie „Warum soll in der Klasse kein Kreuz hängen?“. Den größten Rückschlag erlitt sie während ihres Praktikums, als sie einen Patienten schon über 1 1/2 Wochen betreute. Als sie eines Tages ihr Namensschild trug und der Patient ihren ausländischen Namen sah, wollte sich dieser nicht mehr von ihr pflegen lassen.
Berufsaussichten
Auf meine Frage, ob es für türkische Jugendliche schwieriger sei einen Job zu finden, antwortet sie verblüffend nüchtern, „Schwieriger ist es für türkische Jugendliche in dem Sinne, da sich viele zu wenig mit der Schule auseinandersetzen und für sie Schulnoten oftmals bedeutungslos sind. Meinen Bruder versuche ich gerade zu überzeugen, dass er ein gutes Abschlusszeugnis braucht, um einen guten Lehrplatz zu erhalten. Es ist aber auch ein Umdenken, besonders bei Mädchen, zu beobachten. Wenn ein Jugendlicher in der Clique den Absprung schafft und sagt, dass er die Matura macht und dann studieren gehen möchte, dann trauen sich auch die anderen.“
Während unseres Gespräches überrascht sie mich immer wieder mit interessanten Ansichten und kritischem, weitsichtigem Denken, das man so gar nicht von einer 19-jährigen Jugendlichen erwartet. Für die Zukunft wünscht sich Züleyha, dass sich Jugendliche mit Migrationshintergrund noch besser in unsere Gesellschaft integrieren können und nicht aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder ihres Glaubensbekenntnisses diskriminiert werden.
Autorin/Bild: Elisabeth Voithofer


